Dieser Blogeintrag ist ein etwas älterer Artikel von mir den ich hier wieder veröffentlichen möchte. Ich werde ihn aber wahrscheinlich nochmal neu aufsetzen.

Die Katori Shintô-ryû ist eine der ältesten erhaltenen Kriegskünste dieser Welt. Ihr Ursprung ist eng mit dem Katori Dai-Jingû [Dai-Jingû = Großschrein] verknüpft, einer der ältesten und wichtigsten Shintô Schreine in Japan, neben dem Ise-Dai-Jingû und dem Kashima-Dai-Jingû.

Katori-Dai-Jingu
Katori-Dai-Jingu

 

Die Wichtigkeit dieser Schreine ergibt sich aus der Ursprungsmythologie Japans die im Nihonshoki und dem Kojiki niedergeschrieben ist und die Rollen die die himmlischen Kami Amaterasu no Mikoto, Futsunushi no Mikoto und Takemikazuchi no Mikoto bei der Schaffung Japans inne hatten.

Es war Amaterasu, die Sonnengöttin von der das japanische Kaiserhaus behauptet ab zu stammen, die den Kriegsgöttern Futsunushi und Takemikazushi befahl auf Izumo nieder zu steigen und die Übergabe des Königreiches an Ninigi no Mikoto, ihren Enkel mit Ôkuninushi no Mikoto zu besprechen.

Nach der Übergabe blieben Futsunushi und Takemikazuchi auf der Erde. Futsunushi reiste durch das Land in Richtung Osten und bezwang dabei verschiedene Dämonen und andere bösartige Kami und ebnete so das Land ins Königreich ein und legte durch seine kriegerischen Fähigkeiten den Grundstein für ein befriedetes, sicheres und wohlhabendes Japan.

 

Futsunushi no Mikoto
Futsunushi no Mikoto

 

Takemikazuchi sollte Ninigis Nachfahren Jimmu zur Seite stehen den gesamten Wilden Osten zu unterwerfen. Bei Jimmu handelt es sich um Jimmu Tenno, dem Begründer des japanischen Kaiserhauses.

Amaterasu no Mikoto wird im Ise-Dai-Jingû verehrt. Takemikazuchi no Mikoto im Kashima-Dai-Jingû und Futsunushi no Mikoto im Katori Dai-Jingû.

In der Katori Shintô Ryû ist überliefert das Iiezasa Chôizai Ienao sich nach seiner Trennung mit dem Chiba-Clan auf das Gelände des Katori-Dai-Jingû zurückzog und sich dort niederließ. Dort widmete er sich täglich am Schrein verschiedenen kriegerischen, asketischen und spirituellen Übungen. Nach einer 1000 Tagen und Nächten dieser Praxis erschien ihm in einem Traum Futsnunushi no Mikoto in der Gestalt eines Jungen der auf einem Pflaumenbaum saß und der ihm das Mokuroku Heiho no Shinsho übergab, eine Schriftrolle die die himmlischen Geheimnisse der Kriegskunst und Strategie enthielt. Mithilfe dieses göttlichen Wissens gründete er die Tenshin Shoden Katori Shintô Ryû. Das Tenshin Shoden bezieht sich auf die Überlieferung von Kami zu Mensch und kann in etwa mit „wahrhaftige und korrekte Überlieferung vom Himmel“ übersetzt werden.

Iizasa Choizai Ienao
Iizasa Choizai Ienao

 

Den meisten Leuten werden diese Umstände wahrscheinlich bekannt sein. Was für mich jedoch neu war ist die Rolle die die Göttin Marishiten in der Gesamten Sache spielte.

Marishiten ist eine buddhistische Göttin des Krieges und Schutzpatronin der Krieger. Dargestellt wird sie oftmals als Frau mit drei Köpfen/Gesichtern und Acht Armen die verschiedene Waffen in der Hand halten. Sie ist die Göttin der Dämmerung mit Macht über Sonne und Mond die ihren Waagen auf ihrer Reise über dem Himmel folgen, der von 7 Wildschweinen gezogen wird.

Sie wird jedoch auch öfter als Mann dargestellt und hat damit weibliche und männliche Aspekte. Sie gewährt den Kriegern die Sie mit Inkarnationen und Mudra anrufen Hilfe und blendet deren Feinde mit grellen Licht und macht ihre Schützlinge so unsichtbar vor den Augen des Feindes.

Ihr Ursprung liegt wie viele andere buddhistische Gottheiten in Indien. Es wird angenommen das verschiedene lokale brahmanische Stammesgottheiten Vorbild für den in Nordindien entstandenen Mârîcî-Kult dienten. Dieser Kult wurde in der Tradition des Tantrischen Buddhismus übernommen. In China nahm die Göttin die Identität der Molizhitan an. Als sie im 8. Jahrhundert in Japan ankam wurde sie dort als Marishiten bekannt.

Marishiten
Marishiten

 

Neben Marishiten gibt es noch andere buddhistische kriegerische Gottheiten die in verschiedenen Ryûha angerufen werden. Zu nennen wären hier Beispielsweise Bishamonten und Fudô-Myôô die mit Marishiten zu den Bekannteren zählen.

Welche besondere Rolle Marishiten in der Shintô Ryû einnimmt kann man in der Katori shinryo shintô-ryû kongenshô[göttliche Ursprünge der heiligen Schwerttradition des Katori Schreins] lesen:

„Through a divine vision, Marishiten taught Futsunushi no Mikoto that there are divine sword scenarios known as Itsutsu, Nanatsu, and Kasumi, and divine spear scenarios known as Hakka. Marishiten also brought one volume on strategy and displayed a sword called Ame no Totsukanomi Tsurugi“ (S.214, D.Hall 2013, The Buddhist Goddess Marishiten)

Damit ist deutlich das, dass Wissen das von Futsunushi an Iizasa Chôizai weitergegeben wurde seine Ursprünge bei Marishiten hat.

Die Rolle führt aber weiterhin aus, welche Bedeutungen diese Szenarien in der Katori Shintô Ryû haben:

„The spear techniques(Hakka) and sword techniques (Mitsu no tachi, Nanatsu no Tachi, and Itsutsu no Tachi) are all elements of the self-defense ritual matrix. The first element is the Purification of Body, Speech, and Mind […] . Collectively, the four elements are a single one of Body Armoring (Hikô goshin 被甲護身). “(S. 215, D.Hall 2013)

Damit sind Techniken des esoterischen Buddhismus nicht nur ein weiterer Teil des Curriculums, sondern das gesamte Curriculum der Schule ist direkt mit diesen Ritualen verbunden und müssen vor diesen Hintergrund betrachtet werden, neben den kämpferischen Aspekten der Ryûha[Tradition] !

Marishiten wird durch die Benutzung von Kuji-hô[Fingerzeichen] und Juji-hô[Handzeichen] und einer entsprechenden Anrufung die aus den Sanskrit stammt und japanisiert wurde angerufen.

Der Sinn dieser verschiedenen Rituale die für uns Westler wahrscheinlich wie altmodischer esoterischer Aberglaube erscheinen muss, war das erreichen eines Geisteszustandes in dem man sich Geschützt(von Marishiten und Futsunushi), Unverwundbar, Unbesiegbar und vor allem Furchtlos fühlte.

Dadurch das diese Anrufungen mit Kujikiri gekoppelt wurde hatten die Krieger einen im Training erlangten Anker um auf den Schlachtfeld sofort in diesen Geisteszustand zu wechseln.

„Ôtake Ritsuke believes this to be the case, and feels that the performance of the Goshinpô and the Kuji no Daiji were much more efficient for battlefield preparation than the practice of zazen.“(S.216, D.Hall 2013)

Diese Rituale wurden also wahrscheinlich hauptsächlich nicht einzig allein aus tiefen religiösen Glauben weitergegeben sondern aufgrund ihres direkten wirksamen Nutzens, der durch den „rechten Glauben“ nur noch verstärkt wurde.

Mir war selber diese besondere Rolle die Marishiten in unserer Ryûha einnimmt noch nicht vollends bewusst und ich werde mich das nächste mal wenn ich mich vor dem Kamidama verbeuge dies nicht nur im Bewusstsein von Ienao Sensei und Futsunushi no Mikoto tun, sondern auch im Bewusstsein von Marishiten.

 

Literatur Referenzen:

  • David A. Hall 2013, The Buddhist Goddess Marishiten: A Study of the Evolution and Impact of Her Cult on the Japanese Warrior
  • Risuke Otake 2009, Katori Shinto-ryu : Warrior Tradition
Marishiten und ihr Einfluss auf die Katori Shintô-ryû

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